SPEZIALREGELN FÜR JEDEN ANLASS – WO IST DER SCHIEDSRICHTER, WENN MAN IHN BRAUCHT?

Seit unserem Artikel bist Du um einiges weiser und ein bisschen vorsichtiger geworden. Wunderbar!
Die Grundregeln sind klar – Grundregeln deshalb, weil es eben noch einige mehr gibt.

Du bist jetzt in einem anderen Land , die Linien am Horizont sind perfekt, die Sonne lacht.
Also nur noch in den Neo schlüpfen, Wax in rauen Mengen und in die Fluten.
Das Herz lacht, du reihst dich regelgerecht im Peak ein und wartest geduldig auf deinen Turn, nimmst die Welle und dein sauberer Turn lässt dich fast ein bisschen lächeln, bis du bemerkst, das du nicht mehr alleine in der Welle bist.
Dir ist jemand reingedroppt und es scheint sogar so, als würde dich dieser Regelbrecher beschimpfen.
Gut, kann mal passieren – weitermachen, geduldig auf den Turn warten und gleich nochmal. Wieder jemand in deiner Welle. Also rufst du leise „Ey!“.
Der Surfer mit dem fantastischem Gehör dreht sich um und fragt „WAS?“
„Ich glaube das war meine Welle!“, murmelst Du.

„Ich bin von hier, also bekommst du hier keine Welle! Du kannst die da paddeln.“ und deutet auf eine Schaumkrone von 10cm Höhe in 1km Entfernung.

Eine klassische (für euch etwas geschmückte) Szene, die das paradoxe System von Regeln im Line-Up beleuchtet.
Die Hierarchien im Line – Up sind so komplex und spannend, dass sich einige Soziologen damit eingehend befassen. So auch Kenneth Libermann, Professor für Soziologie an der Universität von Oregon.

Immer mehr Menschen zieht es aufs Surfboard, die verfügbaren Wellen bleiben die gleichen, die Surfer tummeln sich in entsprechend immer volleren Peaks.
Das besondere am Surfen ist dass sich ein Peak selbst reguliert. Es gibt keinen Schiedsrichter, der uns Surfer zurecht pfeift oder Wellen zuweist.

Und wie jeder Lifestyle-Sport sind die Regeln von der lokalen Kultur beeinflusst und die ist in jedem Land anders, so wie die Regeln im Line-Up. Wie also reguliert sich ein Peak selbst?

Am Wichtigsten ist jedem Surfer natürlich möglichst viele Wellen zu surfen und das führt schnell mal zu diesen famosen Zusatzregeln – einige unschlagbare Beispiele:

  • Der Local hat immer Vorfahrt.
  • Der Local bekommt alle guten Wellen und die Restewellen darf jemand anderes haben.
  • Der bessere Surfer hat Vorfahrt.
  • Wer zuerst steht hat Vorfahrt.
  • Snaken (sich in die besser Position schummeln) ist super und absolut legal
  • Paddelt einer schon die Welle an, dürfen alle anderen nicht paddeln, sonst zerbricht die schöne Welle.

Also wie läuft das? „Hey, Du bist nicht von hier, einmal Reisepass her und rüber in Peak 45!“?
Wie findest Du heraus ob genau dein Peak so ein fieser „Der-Local-hat-immer-Vorfahrt“-Peak ist? Was passiert, wenn du die Regeln brichst?

Einige werden jetzt schon an ihren Gemüsesticks verschluckt haben und sich fragen, ob wir immer noch über diesen coolen Supersport für Freigeister reden.
Ja.

Wir haben nicht alle Antworten, aber die beiden Soziologen Waitt und Frazeer sind dem Geheimnis auf der Spür:

„EACH TIME A SURFER ENTERS THE OCEAN, THEY MUST ACTIVELY NEGOTIATE THEIR POSITION WITHIN A SURFING FRATERNITY AND HIERARCHY.“
LIBERMANN GEHT NOCH EIN ECKCHEN WEITER. DIE REGULATION FUNKTIONIERT HAUPTSÄCHLICH NON-VERBAL UND ZWAR DURCH DAS, AUCH FÜR AFFEN SEHR WICHTIGE, GUCKEN. SEHR MINIMAL, ABER EFFEKTIV.

Direkter Blickkontakt ist Einladung für Zurechtweisungen, schlecht platzierte Hinweise oder die Herausforderung zum Kampf. Üblicherweise wird Blickkontakt gemieden, vor allem wenn man gerade dem Anderen die Welle gedroppt hat, natürlich augenscheinlich, ohne den anderen gesehen zu haben.
Es handelt sich um ein elaboriertes Hinterm-Augapfel-Gucken, das alles Wichtige erfasst, aber im richtigen Moment nichts gesehen hat.

IHR HABT DAS FRISCH GEKAUFTE SURFBRETT SCHON WÄHREND DES LESENS WIEDER IN DIE KLEINANZEIGEN EINGESTELLT?
ODER HABT ANGST JETZT IMMER MIT SCHWITZENDEN HANDINNENFLÄCHEN IN DEN NEOPRENANZUG ZU STEIGEN?

Wann genau ist der Aloha Vibe des Surfens ertrunken, gab es den mal, gibt es ihn noch?
Ja, es gibt ihn noch, man muss ihn nur finden. Wann er an einigen Orten ertrunken ist, lässt sich nicht genau datieren.

DER VIBE IM PEAK IST EIN ABBILD DERER, DIE DARIN SITZEN.
WELCHE REGEL GILT DANN IN WELCHEM PEAK?
ES GIBT KEINE UNIVERSALANTWORT.

Kommt ins Wasser und studiert erstmal Strukturen und Hierarchien.
Kommuniziert non-verbal mit einem offenen Gesichtsausdruck, flucht nicht und strahlt auch sonst wenig negative Energien aus und arbeitet euch langsam in den Peak hinein. Bleibt einige Tage, Wochen oder Monate am gleichen Spot und verhaltet euch fair, regelgetreu und empathisch. Vermeidet Diskussionen. Und seid nicht der deutsche Radfahrer, der Regelbrecher einfach zum Belehren überfährt. Und sonst immer schön die Arme überm Kopf beim Fallen.

Der weise, geduldige Beobachter kennt genau sein eigenes Niveau im Surfen, meidet Peaks in denen schon zuviele Menschen sitzen und informiert sich vorher welche Spots von Locals dominiert sind.
Die absolut studierte Wavesister hingegen, weiß sogar zu welcher Zeit den Locals der Magen knurrt und ist mit Brotdose im Neoprenanzug genau dann im Wasser.

Nach und nach wird auch der scheuste Ursurfer weich und geht zum subtilen Nicht-Gucken über.
(Ohne Garantie)

WIR WÜRDEN NICHT MEHR SURFEN, WENN ALLE PEAKS SO AUSSEHEN WÜRDEN. MACHT EUCH AUF DIE SUCHE UND FINDET DEN ORT UND DIE MENSCHEN, DIE DAS SURFEN MAGISCH MACHEN. TAUCHT IN ANDERE KULTUREN EIN, SEID MUTIG UND ABSEITS BEI EUREN REISEZIELEN, REIST NACHHALTIG, UNTERSTÜTZT DIE LOCAL COMMUNITY, LERNT SOVIEL IHR KÖNNT, BLEIBT OFFEN UND TEILT.

Wir freuen uns auf euch im Wasser und ja wir teilen. Hangloose!
Deine Wavesisters

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