
11/04/2025 – 7 min.
Die Art, wie wir atmen, verändert alles
Ich sitze am Strand. Die Falte zwischen meinen Augenbrauen gräbt sich tief. Die Sonne blendet, der Sand klebt unter meinen Fingernägeln und mein Wetsuit schnürt sich um meinen Hals. Oder was fühlt sich da an, als würde eine Kartoffel in meiner Kehle stecken?
Ich atme schnell und flach. Mein Blick wandert über die weißen, schäumigen Wassermassen nach hinten ins Line-up. Alles… Voller… Männer!
Ich umarm meine Knie und zittere ein bisschen.
Ich weiß, ich kann das. Ich bin schon größere Wellen gesurft. Und außerdem bin ich eine gute Surferin. Und die Männer da können mich mal. Ich hab schon oft den Blicken stand gehalten. Aber warum fällt es mir trotzdem so schwer? Alle anderen sehen so leicht da draußen aus. Als würden sie über die Wellen fliegen. Sie lachen, feuern sich an und ich sitze hier am Strand und weine. Warum denke ich immer noch: ICH KANN DAS NICHT… obwohl ich das ja kann?

Wie oft saß ich schon hier am Strand und habe gezögert. Oder wenn ich es ins Meer geschafft habe – wie oft kam ich mit Herzklopfen im Line-up an und habe mich schüchtern weit weg von allen anderen in meiner persönlichen Safe Zone platziert? Wie oft habe ich die Welle doch nicht genommen, weil ich Angst hatte? Wie oft bin ich zurück zum Strand, weil ich zu viel Respekt vor den Strömungen hatte? Wie oft bin ich frustriert und mit dem Gefühl der Kartoffel in der Kehle nach Hause gestapft und dachte: Ich gebe dieses Surfen jetzt auf.
Aber mich zieht es immer und immer wieder zum Meer. Ich kann einfach nicht ohne. Wie wir Frauen lebt das Meer im Zyklus. Bei Vollmond ist es stärker, bei Windstille sanfter, bei Stürmen ist es aufgewühlt und bei Sonne glitzert es. Es ist unendlich, unentdeckt und unbeherrscht. Es ist wild und sanft und frei. Es gibt uns, was es hat und wir müssen es so annehmen und davon lernen.

Was mir hilft bei meiner Freundschaft mit Mama Meer? Meine Atmung. Wieso? Weil die Art, wie wir atmen, alles verändert.
Atmen wir tief und langsam, aktivieren wir Nerven in den Tiefen unserer Lungen, die mit dem Parasympathikus verbunden sind. Der Parasympathikus ist ein Teil unseres autonomen Nervensystems, welches für unseren sogenannten Rest-and-Digest-Modus verantwortlich ist. Im Parasympathikus werden wir entspannter, unsere Herzfrequenz geht runter und unser Puls verlangsamt sich. Unser Körper bekommt Zeit, sich zu regenerieren und zu heilen. Und das Beste? Der Brainfog verschwindet, und wir können klarer denken.
Der Gegenspieler dazu ist unser Sympathikus – unser Fight-or-Flight-Modus. Dort passiert genau das Gegenteil: Unser Atem wird schneller und flacher, unsere Herzfrequenz erhöht sich und unser Puls wird schneller. Dieser Modus wird aktiviert, wenn wir in Gefahr sind. Die Energieproduktion fokussiert sich auf unsere Gliedmaßen, damit wir kämpfen oder fliehen können. Er steigert unsere Reaktionsfähigkeit und Leistung für den Moment. Langfristig funktioniert das jedoch nicht so gut. Heutzutage ist der Sympathikus zu oft aktiviert, besonders in stressigen Alltagssituationen und Angstmomenten. Wir brauchen unseren Sympathikus, aber eben nicht zu viel und immer in Balance mit dem Parasympathikus, damit sich unser Körper wieder erholen kann.
Generell gilt: Langsame, tiefe Nasen-Bauchatmung aktiviert unseren Parasympathikus, und schnelle, flache Atmung unseren Sympathikus. Wenn wir das verstehen, können wir dieses Wissen perfekt für das Surfen anwenden.

Breathwork - Bewusstes Atmen
Ein Training für Körper und Geist. Und eine regelmäßige Breathwork-Praxis kann unsere Lungenkapazität verbessern, uns helfen, besser mit Stress umzugehen, unsere CO₂-Toleranz erhöhen (also lernen, länger die Luft anzuhalten), unser Immunsystem stärken und vieles mehr. Genau das hilft uns beim Surfen.
Beim Surfen geht es nicht nur darum, Wellen zu reiten. Es geht darum, ruhig zu bleiben, wenn das Meer tobt. Ruhig zu bleiben, wenn die Gedanken toben, oder auch mal ruhig zu bleiben, wenn andere Surfer toben. Es geht darum, Kraft zu haben, wenn sie gebraucht wird, und sich zu erholen, wenn es möglich ist.
Mit den richtigen Atemtechniken können wir lernen, wie wir nach einem Wipeout wieder zu Kräften kommen, wie wir atmen, wenn wir in einer Angstsituation stecken, wie wir effizient paddeln und wie wir mit mehr Fokus bessere Entscheidungen treffen können.
Eine andere Grundregel ist: Versuche, wenn du kannst, immer durch die Nase zu atmen. Das klingt banal, aber das Atmen durch die Nase macht einen riesigen Unterschied. Dadurch wird die Luft gefiltert, angewärmt, und du kannst bis zu 20 % mehr Sauerstoff aufnehmen, was dir mehr Energie, auch bei sportlicher Betätigung, gibt und dich nicht so schnell ermüden lässt. Wer hätte das gedacht?
Der Atem ist dein Anker
Klar, es geht darum, unsere Lungenkapazität, das Luftanhalten und unsere Ausdauer zu trainieren, aber vor allem hilft uns Breathwork, unseren Atem als einen Anker zu sehen.
Der Anker, an dem wir uns festhalten, wenn das Herz anfängt zu rasen, die Gedanken kreisen und sich die Kehle zuschnürt. Der Anker, der uns zurück zu uns und unserer Essenz bringt, der uns in einer brenzligen Situation zum klaren Denken bringt und uns neue Kraft gibt, um weiterzumachen. Der Anker, der uns wissen lässt, dass wir sicher und fähig sind. Dass in uns mehr Raum für Luft ist, als wir denken.

Ich sitze wieder dort am Strand. Die Sonne blendet, es ist zu heiß und zu kalt gleichzeitig, alles ist doof, und ich habe Angst. Angst vor allem, was mich dort erwartet.
Ich schließe meine Augen, bringe Fokus zu der kleinen Falte zwischen meinen Augenbrauen. Mit der Einatmung ziehe ich das goldene Sonnenlicht tief ein, und mit der Ausatmung entspanne ich jede einzelne Pore (das stelle ich mir zumindest so vor). Ich lasse langsam meine Schultern fallen und atme alle meine Zweifel aus. Ich atme sanft durch die Nase ein, zähle bis 4 und atme lange und langsam aus, zähle bis 8. Und dann wiederhole ich das immer und immer wieder. Vielleicht so achtmal.
Und dann spüre ich, wie der Ozean und ich gemeinsam atmen.
Wir sind ein Team und keine Gegner.
Text und Fotos von Sophie Bellmann. Folge ihr auf Instagram für mehr Tipps zum Atmen:

Autorin: Sophie Bellmann
Sophie bringt eine einzigartige Kombination aus Atemarbeit und visueller Kreativität in unserem Camp zusammen. Ursprünglich aus Berlin stammend, hat Sophie durch ihre vielfältigen Reiseerfahrungen einen reichen Schatz an Wissen und kulturellen Einflüssen gesammelt.
Ihre Leidenschaft für Breathwork ist spürbar, wenn sie uns auf eine transformative Reise durch die Kraft des Atems führt. Ihre Methode vereint Achtsamkeit und Atemtechniken, um inneren Frieden und emotionales Gleichgewicht zu fördern.
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