
02/01/2026 – 5 min.
Wir sind nicht nur Kopf
Warum Surfen für mich Body-Mind-Gesundheit bedeutet
„Wir sind nicht nur Kopf.“ Diese Prämisse zieht sich durch all meine Arbeit – und ehrlich betrachtet auch durch mein ganzes Leben. Lange bevor ich Worte wie Embodiment, Stressregulation or Psychosomatik kannte, habe ich genau das im Wasser gelernt: dass unser Körper oft schneller weiß, was wir brauchen, als unser Verstand. Und dass beides immer im Dialog ist.

Das erste Sehnen nach dem Surfen
Schon als Teenager begann ich nach etwas zu suchen, das ich damals noch nicht benennen konnte: nach einer verkörperten Lebendigkeit und echter Verbindung. Ich wollte mich ganz fühlen – nicht zerrissen zwischen Denken, Fühlen und Funktionieren. Wenn ich Surfer:innen im Flow beobachtete, hatte ich eine leise Ahnung, dass genau dort etwas lag, wonach ich suchte. Nur war das als norddeutsche Teenagerseele gar nicht so leicht direkt in die Tat umzusetzen.
Parallel öffnete sich eine andere wichtige Tür: Yoga. Im Anusara Yoga – dem Yoga des Herzens – fand ich eine erste Antwort. Jede Stunde war wie Poesie: getragen von einem Thema, das Körper und Geist über feine Ausrichtung miteinander verband. Oft saß ich nach der Praxis da und fragte mich: Was ist hier eigentlich gerade passiert?
Zwischen Yoga, Psychologie und dem Ruf des Ozeans
Meine Neugier führte mich weiter. Ich wollte verstehen, was geschieht, wenn wir etwas nicht nur denken, sondern verkörpert erfahren. Also studierte ich Psychologie. Mein Geist brauchte Futter:
Was passiert im Gehirn? Wie hängen Emotion, Körper und Bewegung zusammen?
Diese Fragen begleiten mich bis heute in meiner Arbeit als Yogalehrerin, Coach und psychologische Beraterin. Und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – war da immer noch dieser leise, beständige Ruf des Ozeans.

Wie Surfen mich gefunden hat
Als ich um 2014 wirklich mit dem Surfen begann, in einem dieser Jugendzeltcamps an der französischesn Atlantikküste, war es Freude und Herausforderung zugleich. Im Wasser konnte ich nicht mehr alles kontrollieren. Zudem waren Gruppendynamiken, Vergleiche und viel Unsicherheiten im Spiel. Gleichzeitig jedoch zwang mich jede Welle im Moment zu sein. Und genau das fühlte sich befreiend an.
Surfen wurde Teil meines Lebens. Und ähnlich wie Yoga war es für mich nie nur Sport.
Es war ein Dialog – zwischen Körper und Geist, zwischen Kontrolle und Loslassen, zwischen mir und dem Ozean. Rückblickend weiß ich: Ich habe intuitiv gespürt, dass hier ein Ort ist, an dem sich das Nervensystem regulieren darf und “Body” und “Mind” wieder miteinander in Einklang kommen.

Der Ozean als Spiegel unseres Nervensystems
Wenn wir surfen, begegnen wir nicht nur Wellen im Wasser – sondern auch inneren Wellen. Emotionalen, energetischen, psychosomatischen.
Das Spannende: Unser Gehirn unterscheidet oft nicht zwischen realer und vorgestellter Bedrohung. Eine große Welle oder der Gedanke „Ich schaffe das nicht“ können dieselbe Stressreaktion auslösen und spiegeln sich sofort im Körper und in unseren Reaktionen wieder. Genau deshalb ist Surfen ein so kraftvoller Lernraum.
"The ocean is one of the best places I know
to learn emotional regulation
— because it wants nothing from us
except presence."

Surfen als verkörpertes Lernen fürs Nervensystem
Eine Welle baut sich auf. Was dann passiert, entscheidet nicht nur die Welle – sondern unsere innere Landkarte. Unsere Erfahrungen, Prägungen und neuronalen Verknüpfungen. Wird die Situation als Bedrohung bewertet, geht der Körper in Alarmzustand. Wird sie als positive Herausforderung erlebt, entstehen Fokus, Präsenz, manchmal sogar Flow.
Surfen – genau wie Yoga oder Meditation – lehrt uns, den Raum zwischen Reiz und Reaktion zu vergrößern. Nicht sofort zu verkrampfen. Nicht sofort zu agieren. Sondern wahrzunehmen: Was passiert gerade in meinem Body-Mind-System?
Wir sind nicht nur “mind”. Jeder Gedanke verändert etwas im Körper – und jeder Atemzug, jede Haltung wirkt zurück auf unser Erleben. Surfen macht das unmittelbar erfahrbar.
Im Wasser vereint sich vieles gleichzeitig:
- multisensorischer Input, der Präsenz erzwingt
- Rhythmus und Wasser, die das Nervensystem beruhigen
- emotionale Vielfalt von Angst bis Flow, die sich in unseren Reaktionen widerspiegeln
- echte Selbstwirksamkeit, wenn alles zusammenkommt
Wellenreiten wird deshalb auch erfolgreich in der Therapie von Depressionen, Trauma und Suchterkrankungen eingesetzt – nicht weil es etwas „wegmacht“, sondern weil es neue Verknüpfungen zwischen Körper, Gefühl und Gedanke schafft.

Gemeinschaft als Schlüssel und Retreats als Räume für Regulation
Irgendwann trug mich der Ozean zu den Wavesisters nach Portugal. Was ich dort erlebte, war Zugehörigkeit und Empowerment. Frauen, die sich gegenseitig upliften, feiern und bestärken.
Diese Art von heilsamer Gemeinschaft hatte ich bis dato so weder in Surfcamps noch im Line-up erlebt. Und sie wirkte auch psychologisch tief, weil sie alte Muster überschrieb: Vergleich, Wettbewerb, Funktionieren.
Mein System lernte: Ich muss hier nicht kämpfen. Ich bin sicher.
Und genau das war die Grundlage für echtes Wachstum, auch im Surfen.
All das fließt heute in meine Arbeit ein. In Retreats, wie unserem Waves & Wholeness Retreat, gestalten wir bewusste Gegenentwürfe. Räume, in denen wir wieder in Kontakt kommen dürfen, wo Zugehörigkeit und Wachstum gleichzeitig möglich sind. In denen wir uns wieder spüren.
Surfen, Yoga und bewusste Reflexion sind dabei keine Tools, sondern Einladungen:
zu mehr Präsenz, zu mehr Selbstwirksamkeit und zu mehr Vertrauen – in den Ozean und in uns selbst.

Mehr zum Waves & Wholeness Retreat hier:
Text von Nadine Karnetzke und Fotos u.a. von Sophie Bellmann. Folge ihr auf Instagram für mehr Tipps zum Atmen:

Autorin: Nadine Karnetzke
Vor mehr als 20 Jahren begann meine Yogareise mit Anusara Yoga – dem „Yoga des Herzens“. Später kamen noch Yin- und Aerial Yoga hinzu. Diese Vielfalt spiegelt auch meine Persönlichkeit wider: Ich liebe es, in die Tiefe zu gehen und gleichzeitig die Leichtigkeit des Lebens zu feiern.
Neben meiner Tätigkeit als Yogalehrerin begleite ich als studierte Psychologin Organisationen in Veränderungsprozessen. Ich bestärke Menschen darin, ihre innere Flamme zu entfachen und ihren Weg zu gestalten. Ich schaffe Räume, in denen Menschen auf allen Ebenen wachsen können – verkörpert, bewusst und mit offenem Herzen. Räume, in denen sie Kraft schöpfen, zu sich selbst finden und ihre Kreativität entfalten können.
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